Mit fehlender Sozialkompetenz kann man so einiges bescheinigen … Den Maßstab dazu setzen allerdings auch nur Homo sapiens. Äußerst dumm gelaufen, oder wie denken Sie darüber, wenn Sie Menschen sehen, die hemmungslos um sich schlagen und sich benehmen, als ob sie geradewegs vom Baum gestiegen aus dem Urwald kommen?
Aber mal der Reihe nach. Vor ein paar Tagen lausche ich den Erzählungen eines gestandenen Mannes, er leitet mehrere große Lebensmittelläden in Niedersachsen und vor allem, er ist gebildet … Er ist seinem Fussballverein mit allem, was er hat, verbunden und dafür tut er so einiges. So reist er überall in der Weltgeschichte herum, um seinem Verein die Stange zu halten. Kürzlich war er in Neapel, um ein Fussballspiel zu verfolgen. Sein Verein gewann und wie soll es auch anders sein, die Fans der anderen Mannschaft waren höchst not amused darüber.
Es rechnete allerdings keiner damit, dass deswegen für ganz Neapel kurze Zeit später der Ausnahmezustand verhangen wurde. Straßen wurden gesperrt, ein riesiges Aufgebot von Polizei positionierten sich in der gesamten Stadt… meine Güte, was das wieder gekostet hat. Und das alles nur für ein paar halbwütige Fussballfans, die nichts anderes zu tun hatten, als aus Frust die Gegner wegzuklatschen, oder wie?

Erst in einem Gespräch mit der Polizei kam heraus, das sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Viele der wütenden Fans hätten sich zusammengefunden und bekundet, dass sie nun ernst machen würden – also auch nicht davor zurückschrecken würden, die gegnerischen Fans auszuschalten und zu eliminieren. In Gruppen durchkämmte der tobende Mop wutentbrannt und bewaffnet mit Baseballschlägern, Schlagringen und anderen Waffen die Straßen, um deutsche Fussballfans ausfindig zu machen und gegebenenfalls auch auszulöschen. Sie brüllen und schreien, pissen an Häuserwänden und skandieren ihren Wahnsinn jedem ins Gesicht, der es nicht hören will.
Hat das was mit Langeweile zu tun, oder was steckt hinter solchen Bestrebungen?
Die italienische Polizei sorgte dafür, dass die deutschen Fans sich sicher aus der branntgefährlichen Situation der Stadt herausmanövrieren konnten. Sie setzten dafür alle möglichen Mittel ein. Mein Bekannter, so erzählte er mir, wurde von der Polizei mit sieben weiteren Fans in ein Taxi verfrachtet, um unerkannt zum Hotel gefahren zu werden. Andere wurden gleich unter Polizeischutz zum Flughafen oder zu Zügen ohne Zwischenstop gebracht. Das heilloses Chaos aus tobenden Fans und Schutzmaßnahmen erstreckte sich bis in die Abendstunden hinein, erst dann wurde es ruhiger draußen. Der Mob verzog sich in die Gastwirtschaften, um sich hemmungslos zu besaufen. Abschließend kotzen sie die Straßen voll und stören mit ihrem lauten Gegröle die Nachtruhe der Stadt.
Um was handelt es sich dabei genau? Ist es Urinstinkt, blutrünstige Hemmungslosigkeit oder die Lust einfach abzuschlachten und auszulöschen? Wahrscheinlich ist es von allem etwas.

Vor vielen Jahren wurde ich nachts durch einen Telefonanruf geweckt. Ich solle zu einem bestimmten Platz außerhalb der Stadt kommen, da wäre richtig was los. Ich solle aber aufpassen, dass ich nicht dazwischen gerate, so die ermahnenden Worte eines befreundeten Rechtsanwaltes.
Dieser Platz befand sich unter einer Brücke, über uns erstreckte sich der Zubringer zu einer Autobahn. Verdeckt hinter einem Brückenpfeiler verfolgte ich das Geschehen … Ca. 30 Männer … darunter ein paar sehr durchtrainierte Brecher, prügelten sich miteinander. Aber nicht nur irgendwie, sondern dabei ging es richtig zur Sache. Erst wenn einer von ihnen am Boden lag, ließen die Kontrahenten voneinander los. Ich verfolgte die Szenerie eine geraume Zeit. Plötzlich durchdringt die Nacht ein lauter Pfiff. In Windeseile löste sich der Pulk an prügelnden Menschen auf und ich stand alleine am Brückenpfeiler gelehnt, als die Polizei mit Blaulicht und weitern Einsatzwagen eintraf. Dezent verzog auch ich mich von der Bildfläche, um wenig später bei meinem Anrufer, dem Rechtsanwalt auf der Matte zu stehen. Er drückte mir gleich Verbandszeug in die Hand und ich machte mich sofort ans Werk, um seine Wunden zu versorgen.
„Wir treffen uns einmal im Monat zum Straßenkampf“, erzählte er mir. Auf die Frage, warum sie das tun würden, antwortet er mir: „Weil die meisten einen Ausgleich brauchen und ein Ventil, um angestaute Wut loszuwerden. Einige prügeln auch nur, weil sie sich gerne prügeln oder es einfach als ihren hemmungslosen Kampfsport bezeichnen“. Ich erfahre von ihm, dass darunter alle sozialen Schichten vertreten sind, vom einfachen Bauarbeiter, über Ärzte, Rechtsanwälte bis zum Großunternehmer, eben alles was zwei gesunde Beine und zwei kräftige Arme hätte. Einzige Bedingung beim Straßenkampf: keine Messer oder Schusswaffen und wer am Boden liegt, wird nicht mehr angetastet. Und es versteht sich von selbst, dass gegenüber der Polizei absolutes Stillschweigen von allen gewahrt würde …
Im Jahr 2017 der G20-Gipfel in Hamburg? Na, wer kann sich noch daran erinnern? Ähnliche Situation, nur dieses Mal live ausgestrahlt auf allen TV-Kanälen. 1500 militante G20-Gegner verwüsten das Hamburger Schanzenviertel und hinterlassen ein Schlachtfeld. Es herrschte Ausnahmezustand, wie im Krieg.
Warum? Sind wir so kleingeistig oder einfach nur ungehobelt und asozial? Toben in uns Urinstinkte oder verspüren wir den Drang, ungeniert und ungebremst einfach durchzudrehen? Was ist es also, was uns veranlasst, so etwas zu tun?
Spanische Wissenschaftler sind sich sicher, dass die Bereitschaft zur Gewalt tief im Stammbaum des Menschen verwurzelt liegt. Gewalt und Mord sind somit das Erbe unserer evolutionären Vergangenheit – im Vergleich zu den Primaten, stehen wir ihnen offensichtlich in Sachen Gewalt in nichts nach.
Erst seit hundert Jahren nimmt die Gewaltbereitschaft des Homo Sapiens deutlich ab und das, so vermutet man, hat damit zu tun, dass die Menschen organisierter sind, der Staat, die Kultur und ökologische Bedingungen stimmen den Menschen offensichtlich friedlicher.
Trotzdem … es bleibt die Tatsache, der Mensch ist von Natur aus gewalttätiger als die meisten anderen Säugetiere, er lebt nur inzwischen abgedämpfter in einer Kultur und einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Brutalität und Gewalt ablehnen und unter Strafe stellen.
Offensichtlich verdanken wir unsere Neigung zur Gewalt und Brutalität bis zum Mord also unseren Urinstinkten.
Dann machen wir uns später einmal Gedanken dazu, wie das mit Testosteron, Cortisol, Serotonin, geringe Frustrationsschwelle, genetische Disposition, soziale Aspekte und noch so einigen anderen Gründen in Zusammenhang stehen könnte.
Im Jahr 2022 – Deutschland – Anzahl der …
- Mordopfer: 264 Menschen
- Gewaltkriminalität: 197.202 erfasste Fälle (deutlicher Anstieg)
- Gewalttaten gegen die Einsatzkräfte der Polizei: 42.777 Fälle
- Gewalttaten in Partnerschaften: 64.652 Fälle
Quelle: Statista Research Department
Übrigens, das letzte Recht zur körperlichen Züchtigung wurde im Jahr 2000 abgeschafft: das Recht der Züchtigung der Kinder durch die Eltern …
Wussten Sie, dass:
- Bruce Lee Straßenkämper war, bevor er mit dem Kampfsport-Training begann?
- Der Schauspieler Lenny McLean, bekannt als „der härteste Mann Großbritanniens“ an Straßenkämpfen teilgenommen hat?
Mike Martin, ein ehemaliger britischer Armeesoldat in Afghanistan und heutiger Dozent für Kriegsstudien in London, beantwortet die Frage in seinem Buch „Why we fight“ recht klar. „Menschen kämpfen um Status und Zugehörigkeit und sie tun es, weil dies evolutionär gesehen die sichersten Wege zum Überleben und zur Steigerung der Fortpflanzung sind. Viele Menschen, die einen Kampf erlebt haben, sagen, dass es der größte Ansturm positiver Emotionen in ihrem Leben war …“
Fortsetzung folgt …

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