Jesus war bei mir oder frohe Ostern?

Ich bin ein Adoptivkind. Mein leibliche Mutter hat mich aus diversen Gründen zur Adoption freigegeben oder freigeben müssen. In den 60er Jahren war das noch nicht so einfach, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen. Als Frau ist man da schnell gebrandmarkt gewesen. Frau hatte keine Rechte – Gleichberechtigung gab’s da nicht. Frau hatte am Herd zu stehen und den Haushalt in Ordnung zu halten. Ansonsten geziemt und zurückhaltend verhalten – ja als Frau musste man sich in diesen Zeiten noch unsichtbar machen.

Meine Wurzeln sind amerikanisch, dank meines Vaters, der mit der amerikanische Besatzung in Berlin stationiert war. Meine Mutter träumte von Amerika und dem freien Leben. Nicht verwunderlich, dass sie sich in einen Amerikaner verliebte und mit ihm halt mich „er“zeugte.

Die Besatzungsmacht verschwand nach dem Krieg nach und nach. Meine Mutter auch… sie hinterließ in Deutschland drei Kinder. Zwei wuchsen bei ihrer Schwester auf und ich wurde zur Adoption frei gegeben.

Meine Schwestern fand ich und lernte sie Ende der 80er – Anfang der 90er kennen. Eine meiner Schwestern lebt auf den kanarischen Inseln auf Lanzarote und meine andere, sie lebt in Berlin. Wir pflegen einen lockeren Kontakt… keiner will wirklich verbindlich sein – eine Nachwirkung unseres Traumata Familie, denke ich. Aber wir halten zumindest Kontakt. Meinen Schwestern ging das alles ziemlich nah. Eigentlich sollten beiden nachkommen. Meine Mutter ist nach Amerika ausgewandert und wollte beide zu sich holen. Daraus wurde leider nie etwas. Es gibt zig Gründe, so etwas zu erklären – eine normale, treu umsorgende Mutter würde es wohl trotz allem nie verstehen wollen. Daher belasse ich es dabei. Es ist so und halt, nach all den Jahren, auch nicht mehr zu ändern.

Übrig geblieben ist die Neugier – da ich recht abgeschirmt gelebt – und nur über Umwege meine Familie ausfindig gemacht habe, wusste ich bis vor wenigen Tagen noch nicht mal, wie meine leiblichen Eltern aussehen. Über meinen Vater wird einheitlich geschwiegen, keiner will darüber etwas sagen. Vielleicht kann es auch keiner mehr, wer weiß…

Vor zwei Tagen – inzwischen weiß ich, wie meine Mutter mit Nachnamen heißt und ich pflege eine lose Verbindung zu meinem Bruder, der in den USA geboren wurde – stolpere ich über ein Bild… gepostet von einem Familienmitglied, dessen Verbindung mir noch gar nicht klar ist. In der Mitte steht eine ältere, adrette und sympathische Frau und ich weiß es sofort, es ist meine Mutter. Es kann nur meine Mutter sein.

Daraufhin schreibe ich meinen Bruder an, der mir bestätigt, dass es sich dabei um SIE handelt. Irre oder? Ich weiß noch nicht, was ich mit dieser Erkenntnis machen soll oder auch nicht. Eins ist mir jedoch dadurch klar geworden: Sie ist nicht abstoßen, fremd oder was auch immer. Ich merke das magische Band, dass mich mit ihr verbindet.

Vielleicht ist es Jesus, der für uns auferstanden ist und eine Sekunde Zeit für mich hatte, um mir diese Erkenntnis zu schenken. Vielleicht ist es aber auch nur ein Zufall oder auch die Zwangsläufigkeit, sie irgendwann zumindest auf einem Bild als meine Mutter identifizieren zu dürfen.

Übrigens, mein Bruder weiß nicht, dass ich seine Schwester bin. Denn meine Mutter hat in Amerika niemandem von mir erzählt. Sie schämte sich wahrscheinlich zu sehr, mich abgegeben zu haben. Und ich habe auch nichts erzählt, um ihre Deckung nicht auffliegen zu lassen.

Frohe Ostern.

5 Kommentare zu „Jesus war bei mir oder frohe Ostern?

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  1. Wow, das ist ja eine Geschichte. Wirklich erstaunlich, dass Du so viel über Deine Eltern herausfinden konntest. In den 60er Jahren war es schwierig für Frauen, besonders mit einem unehelichen Kind. Zum Glück hat sich das geändert. Willst Du Kontakt zu Deiner leiblichen Mutter aufnehmen? Eine Aussprache würde bestimmt beiden gut tun. Ich finde es übrigens großartig von Dir, dass Du sie nicht verurteilst. Lebt sie jetzt in Amerika? Das Foto sieht irgendwie danach aus. 😀
    LG Susanne

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    1. Ja, sie lebt seit 40 Jahren in Amerika. Es gibt immer Gründe dafür, eine schwere und einschneidende Entscheidung zu treffen. Sie zu verurteilen… da würde ich es mir zu leicht machen. Wer weiß es schon, was zu diesem Schritt geführt hat und ob wir in so einer Situation nicht genauso handeln würden. Ich hatte es mal probiert, mit ihr telefonisch Verbindung aufzunehmen. Der Termin stand – ich habe angerufen, aber sie hat nicht abgenommen. Auch dafür wird sie ihre Gründe gehabt haben. Alles gut 🙂 Ich möchte sie nicht zu irgendwas drängen. Vielleicht ergibt sich ja mal ein Treffen, vielleicht aber auch nicht. Es ist gut so, wie es ist.

      Gefällt 1 Person

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