Von fröhliche Weihnachten kann gar keine Rede sein

„Von fröhliche Weihnachten kann gar keine Rede sein“, Auszug aus dem Buch „Hofgeflüster“ von Angela Roesenberger

Dieses fucking Weihnachten ist genau so verlaufen wie jedes Jahr. Ein riesiger Hype um nichts und jede Menge unnützer Trubel. 

Es fängt schon früh morgens an, als die dösige Kaffeemaschinen ihren Geist aufgibt. Das sind die Momente, in denen man gerne zurückspulen möchte, um noch mal bei null anzufangen. 

Der Sprecher im Radio scheint einen Sprung in der Schüssel zu haben, ständig faselt der was von weiße Weihnachten, die ausgerechnet dieses Mal nicht sein würden. Wie dramatisch! Als ob wir jemals schon weiße Weihnachten gehabt hätten. Und dann diese grässliche Weihnachtsmusik, den ganzen Tag dudelt der Kram rauf und runter. Ich werde bald irre. 

Mein Hund muss alle fünf Minuten raus, weil er Dünnpfiff hat. Scheiß Köter, was der nun wieder gefressen hat! 
Indes regnet es hier Bindfäden und ich erblicke eine grau-in-grau Suppe. Und ich stehe, ausgerechnet jetzt draußen, werde nass und muss darauf warten, dass der Hund endlich fertig wird. Anstatt sich einfach hinzuhocken und loszulegen, dreht der sich noch ewig im Kreis, verändert die Stellung, läuft weiter, um nach noch gefühlten tausendmal drehen endlich sein Geschäft zu verrichten. Inzwischen läuft mir das Wasser am Rücken herunter. 

Nachmittag dann die Ankunft von Tante Helga und Onkel Herbert. Über mich ergießt sich ein Schwall von Phrasen. Nach mehr als zwei Stunden, endlich die ersehnte Erlösung, meine Eltern treffen ein. Na, wenigstens habe ich die Kaffeemaschinen wieder zum Laufen bekommen.

Nach etlichen Kaffees später Tisch abräumen und neue eindecken. Schließlich will der Gockel seinen gebührenden Platz auf dem Tisch genießen können. Wenn da nicht diese dämlichen Klöße wären. Als ich sie aus dem Kochwasser herausholen will, bemerke ich die weiße, schleimige Suppe im Topf. Oh, shit! Alle zerkocht! Das hat jetzt gerade noch gefehlt. Die Gans ist fertig, wenn die jetzt noch länger im Ofen verweilen muss, wird sie schwarz. Gottlob habe ich noch Fertigklöße, die ich schnell in einen Topf mit heißem Wasser schmeiße. Gerade noch mal gut gegangen. Und noch wichtiger, es hat keiner mitbekommen. 

Als meine Mutter und ich alles auftischen, fällt Tante Helga das erste Glas vom Tisch. Klirr! Na super, jetzt bloß Fassung behalten und das Gröbste mit dem Kehrblech beseitigen. Der Köter meldet sich … die Gans muss warten, ich muss wieder raus! Mich begleitet ein Raunen: „Die Gans wird kalt, wir wollen doch jetzt essen …” Draußen angekommen, das gleich Schauspiel, wie gefühlte einhundert Mal zuvor. Das Essen verläuft ohne weitere Zwischenfälle. 

Der Alkohol setzt mit der Zeit allen zu. Onkel Herbert schüttet ein Bier nach dem anderen in sich hinein, in dem Glauben, es bekäme keiner mit. Alle bekommen es allerdings mit. Mutti verfällt süßem Likör. Das Radio plärrt lautstark Barclay James Harvest – Hymn. Oh Gott, das kann nicht gut gehen! Vati zieht schon argwöhnisch seine rechte Augenbraue hoch. 
Wie auch immer ertrage ich tapfer das sinnlose Geschwafel über alles und jenes. 

Der Abend verläuft, die Zeit verrinnt, der Hund gibt endlich Ruhe, ich bin müde und abgekämpft und immer noch nass. Mutti ist besoffen und lallt sinnloses Zeugs daher. Auch Onkel Herbert hat inzwischen seinen Pegel erreicht. Tante Helga verschluckt sich am Wasser … sie muss später ja noch fahren.

Und Vati, ja Papa versteht mich. Er nimmt mich in den Arm und flüstert mir leise ins Ohr: „Tapfer bleiben, bald hast du es geschafft.”

Frohe Weihnachten!

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