Muss man so leben, wie man aussieht?

Heute früh las ich auf einem Blog (schöner Blog übrigens) folgendes:

Hast du schon mal das Gefühl gehabt, dass du einen Tick anders funktionierst, als dein Umfeld? Kennst du den Reibungswiderstand, wenn du entgegen der Gewohnheit der breiten Masse etwas Neues in die Welt zu setzen versuchst?

„Prima, das trifft sie Sache auf den Punkt“, denke ich mir und schaue weiter umher, was es alles so auf ihrer Seite zu erkunden gibt. Ich finde ein Bild der Autorin, eine Frau mit Dreadlocks, kurz Dreads genannt. Die Kleidung angepasst zu ihren Dreads und offensichtlich auch an ihre alternative Lebensweise, sich vegan zu ernähren, Buddhistin zu sein, Yoga zu praktizieren, an alternative Energien zu glauben… usw.. Es passt halt alles… zu genau dem Klischee, das jeder in seinem Hirn parat hat, wenn er eine/n Dreadhead (Dreadlockträger/in) wahrnimmt.

Sehr merkwürdig, ja geradezu ambivalent fühlt es sich heute für mich an. Eigentlich brauche ich nun nur sagen, „ich gehöre dazu“, dann hätte ich meinen heiß ersehnten, alternative Lebenswunsch gefunden. Früher, als ich jung war und noch nicht wusste, wohin die Reise geht, tendierte ich meist zu den alternativen Lebensgemeinschaften, die waren wenigstens friedlich. Ich wollte immer so sein, wie sie. Aussteigen, am Straßenrand Gitarre spielen, viele Leute kennen lernen, so wenige Lebenszwänge wie möglich einnehmen, frei sein und einfach nur das Leben genießen. Tat ich unter anderem auch, indem ich mit Rucksack in ganz Europa herumreiste. Das war eine echt geile Zeit, gar keine Frage. Nur wenn man wieder nach Hause kam und dieses triste Leben von Verpflichtungen einnehmen musste… gefallen hat’s mir nicht – nicht zu diesem Zeitpunkt mit meinen vielen Flausen im Kopf. Meinen Eltern gefiel es natürlich nicht, was ich tat, sie wollte schließlich aus mir einen guten Menschen machen. Wie oft mein Vater meine Rastas (geflochtene Zöpfe) bemängelte, das ging mir gewaltig auf den Zeiger.

Und ich denke in diesem Moment: „Verdammt, ich könnte die Aussage von der Bloggerin zwar  unterstreichen, aber doch bin ich inzwischen völlig anders“. Ich nehme den Reibungswiderstand unverblümt wahr, denn bei mir stimmt überhaupt nichts mit dem überein, was Leute (eingefleischten Dreadheads sowie normale Menschen) denken, wenn sie mich sehen.

Ich trage zwar Dreadlocks, zähle mich aber keineswegs zu einer Dreadbewegung auf Basis einer alternativen Lebensgemeinschaft oder einer Bob Marley-Kultur.

Ich trage mein Dreads, weil sie praktisch sind und weil ich damit eine Frisur trage, die ausgefallen ist und die ich früher schon tragen wollte. Ich hatte meine Haare auch schon rappelkurz, weißblond, rot, lila, lang, mit Undercut… ganz Cut, viele Jahre Rastas… usw.

Alles war nett, nichts hat wirklich gehalten, denn ich bin nicht der Typ für geduldige Föhnaktionen am frühen Morgen. Bei mir muss es schnell und einfach gehen. Schon allein einen Zopf flechten, kann mir den Spaß gründlich verderben. Meine kurzen Haare waren zwar praktisch, aber ich musste damit ständig fürs Schneiden zum Friseur pilgern. Darauf haben ich schon gar keine Lust und oft auch nicht die Zeit.

Und irgendwie verspüre ich meine tiefe Verbundenheit zu bestimmten Dreadheads aus meinem früheren engen Freundeskreis. Heute sind es auch noch Freunde, aber sie wohnen inzwischen weit weg. Das sind ganz normale Menschen, sie stehen im Berufsleben, haben inzwischen Familie und Kinder und….. sie tragen ihre Dreadlocks bis heute. Finde ich fantastisch! 😊

Mein Beruf bei der microtech, hat es bis vor zwei Jahren einfach nicht zugelassen, dass ich mir Dreadlocks hätte machen wollen. Etwas konservativ war das Umfeld schon und auch berechtigt. Mit dem „Normalen“ konfrontiert zu werden, sichert einfach zu, dass man gewisse Toleranz-Grenzen nicht überschreiten und niemanden von der eigenen Lebensphilosophie überzeugen muss.  Nicht in Bezug auf meine Kolleginnen und Kollegen oder meine Vorgesetzten. Vielmehr in Bezug auf meine Kunden und Geschäftspartner. Bei ihnen und mit ihnen musste ich ein Ziel verfolgen, nämlich wieder zufrieden zu werden und darauf lag unsere komplette Konzentration.

Ihnen meine „äußerliche Entfaltungsfreiheit“ auf den Tisch zu knallen, wäre für solche Prozesse der Kundenzufriedenheit einfach kontraproduktiv gewesen. Es wären zu viele Hürden auf einmal gewesen, die man gemeinsam hätte meistern müssen. Zum einen die Akzeptanz mir gegenüber aufbringen zu müssen und zum zweiten dann noch das Verständnis für die eigentliche Sachlage zu entwicklen… Sorry, aber für die Businesswelt ist das nicht nur in Krisensituationen einfach überfordernd.

Daher ist erst vor einem Jahr mein Entschluss, mit Dreadlocks durch die Weltgeschichte zu wandeln, Realität geworden. Denn erst jetzt kann ich es verantworten und mit meiner aktuellen Geschäftswelt, die sich grundlegend geändert hat, gut und gerne vereinbaren.

Aber damit sitze ich nun ganz und gar zwischen den Stühlen?

Meine Zuflucht zum Buddhismus ist bereits im Jahr 1997 erfolgt. Ich meditiere und praktiziere, wenn die Ruhe dazu da ist. Zu meinen Haaren noch stimmig, denkt ihr womöglich. Ab und zu, wenn die Zeit es zulässt, dehne ich meinen steifen Körper auch mittels Yoga. Ich habe mich auch viele Jahre vegetarisch und ein paar Wochen davon auch vegan ernährt. Ja sogar im Bioladen arbeitete ich viele Jahre.

Und doch ist alles anders an mir, denn ich bin eine Mischung aus Ordnung und Anarchie!

Ich bin über 50 Jahre alt und ich lebe keineswegs in der alternativ, verträumten Kommune. Ich darf einen wunderschönen, gepflegten Resthof in Norddeutschland als mein Zuhause ansehen.

Ich liebe unsere Nachbarschaft und ich führe, neben dem beruflichen Trubel, ein durchaus ruhiges Leben. Und ich ernähre mich auch von Fleisch (wenngleich ich genau darauf achte, welche Qualität ich da esse). Ich bin mit einem ganz normalen Mann (naja, ganz normal kann er nicht sein, wenn er mit mir zusammen ist 😉) verheiratet und wir führen ein gemeinsames Unternehmen, unsere mobile Gastronomie „sau-saugut„, die sich auf Fleischprodukte (ach du meine Güte und das als Buddhistin…*kreisch! 😂 ) und Showgrillen spezialisiert hat. Wir verdienen also Geld, um zu leben und um unseren Traum, 32 km von der Küste entfernt wohnen zu dürfen, erfüllen zu können.

Unser Freundeskreis handelt von durchweg ganz normalen Menschen, die sich von der Allgemeinheit nicht wesentlich abheben, zumindest rein äußerlich nicht. Das wir alle ganz speziell und individuell sind, das sieht man uns nicht unbedingt an der Nasenspitze an. Aber wir haben alle schön ein an der Mütze und das tut besonders gut!

Bin ich durch meine Lebensführung nun nicht der authentisch lebende Mensch, den man erwartet hat? Da tobt das Klischeeteufelchen auf der Schulter, habe ich Recht?

Muss man denn so leben, wie man aussieht, oder sieht man so aus, wie man lebt? Oder ist es doch ganz anders? Erinnert mich gerade ein wenig an ein schwedisches Möbelhaus: „Wohnst du noch oder lebst du schon…“. Ich lebe nicht, wie ich aussehe und doch sehe ich so aus, wie ich bin.

Das, was mich nervt, ist die Tatsache, dass man mit Dreadlocks mitunter abgestempelt wird… Wir waschen uns ja nicht und die Haare sind voller Läuse… 🤢 Das Leben damit zu  meistern, entpuppt sich teilweise als Hürdenlauf. Mir ist es ein wenig wurscht, aber leider nicht zu 100%. Früher war das erniedrigend und hinderlich, ich bin ständig mit meinen Rastas angeeckt. In jungen Jahren wurde ich als durchgeknallt bezeichnet, ja war ich auch, und als nicht lebensfähig, das war ich allerdings nicht – ich lebe nämlich noch – ätsch! Heute bezeichnet man mich als verrückte Alte, ja bin auch und es tut so gut, es zu sein. Ich bestehe auf meine Entfaltungsfreiheit, denn ich lebe nur einmal und begrenzt auf dieser Erde. Ich möchte daher auch so leben, wie mir der Sinn danach steht.

Ich möchte einfach keine Einheitsfrisur ü50 tragen müssen. Damit läuft nun jeder herum. Wie langweilig für mich! Und dann hänge ich jeden Tag vor dem Spiegel, um meine Flusen mit Drei Flatter Raft zu bändigen, ne Danke! Was ich tue und wie ich herumlaufe, dass mache ich ausschließlich für mich und nicht für andere. Und wenn ich mich so wohl fühle, dann passt es.

9 Kommentare zu „Muss man so leben, wie man aussieht?

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  1. Das machst du richtig, lass dich nicht unterkriegen! 💪🏼
    Ich habe schon immer dieselbe Frisur. Seit ich 14 bin. Lang, glatt, Mittelscheitel. Und das hat auch einen Grund: Meine Mutter ist Friseurin. Ständig kam die mit ihrer scheiss Schere an und hat mir einen modischen Kurzhaarschnitt verpasst!
    Ich liebe meine Mutter – aber nicht ihren scheiss Kurzhaarschnitt!
    Deswegen werd ich niemals wieder kurze Haare tragen!
    (Ist übrigens Mega pflegeleicht: waschen, kämmen, fertig 🤩💪🏼)

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    1. Hahha, das kenne ich genauuuu soooo. Mutter’n mit ihrem blöden Kurzhaarschnitt. Quintessenz, jeder dachte, ich sei ein Junge. Das ging mir vielleicht auf den Geist. Und wie blöd ich damit aussah… oh mannnnn….
      Daher trug ich ab 16 auch nur noch und ausschließlich, lange glatte Haare mit einem Mittelscheitel, der nie Mittelscheitel sein wollte. 😂 1993 dann in Afrika, war es Zeit für eine Typveränderung – zack hatte ich Rastas. Die mussten alle drei Monate erneuert werden, damit sie wieder ordentlich waren. Und zu diesem Zeitpunkt war das schwer, jemanden zu finden, der das machte. Ich hatte Afrikanische Freunde, daher konnte ich sie viele Jahre so tragen. Aber Frauen hören ja nicht auf, an sicher „herumzuverändern“, so wurden sie irgendwann halblang, dann kurz, gefärbt, dann unordentlich, wieder ordentlich, nicht gefärbt, länger, gefärbt, noch länger und schwupps war ich 50 und lebte auf dem Land – und hatte Dreadlocks 😌 Eigentlich möchte ich damit alt werden – aber ob man Frauen in so einer Aussage trauen darf? 😂

      Gefällt 1 Person

      1. 😂😂
        Meine Oma sagte immer: Kommt Zeit, kommt Rat!
        Heißt auf deine Frisur übertragen: Wenne mal wieder wat anderes reinändest, wirst es wissen! 😆
        Auf dem Land ist es schön! Egal mit welcher Frisur! 🤩🦊🌲🦉

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