Jahresbeginn im Stroh

„Jahresbeginn im Stroh“, Auszug aus dem Buch „Hofgeflüster“ von Angela Roesenberger

Gerade noch zum Weihnachtsfest an einer kleinen Katastrophe vorbeigemogelt, schon steht das nächste Familienfest an: der Jahreswechsel. 

Na super! Und ich stehe wieder einmal in der Küche und bereite alles für die Familie vor.

Meine Eltern sind von Weihnachten an bei mir geblieben. Wir verbringen gemütliche Tage „zwischen den Jahren“. Wir gehen viel spazieren und haben auch mal Zeit für einen gemütlichen Bummel durchs Dorf mit anschließendem Besuch im angestammten Dorfgasthof. 

An Silvester hilft mir Mama in der Küche. Vati kümmert sich derweilen um den Hund und das Vieh. Als Stadtmensch tun ihm Spaziergänge mit Hund am Strand gut, das merkt man ihm deutlich an. Seine Wangen sind jedes Mal gerötet und seine Augen strahlen, wenn er von seinen ausgedehnten Spaziergängen heimkommt. 

Bildrechte: Angela Roesenberger, future4web.de

Unsere Kuh Freya freut sich über frisches Heu, Möhren und derlei Leckerchen, die Papa ihr vorbeibringt. Vati kümmert sich rührend um Freya. Sie ist tragend, eigentlich rechnen wir jeden Tag mit Zuwachs.

Bildrechte: Angela Roesenberger, future4web.de

Unsere Gänse granteln immer lautstark, wenn Papa in den Stall geht. Aber sie lassen ihn gewähren. Die Gänse sind nicht ganz ohne … Sie jagen für gewöhnlich alle fremden Personen lautstark vom Hof. 

Am Abend treffen meine Freunde Lisa und Andy ein. Auch Tante Helga und Onkel Herbert feiern wieder mit. Dieses Mal haben wir vorgesorgt und für unsere Gäste gemütliche Schlafplätze vorbereitet. Schließlich möchten wir unsere Bowle genießen und später gebührend auf das neue Jahr anstoßen.

Die Häppchen und die ersten Bier- und Weinflaschen stehen bereits auf dem Tisch und das ein oder andere Glas ist schon geleert. Wir haben uns viel zu erzählen, insbesondere Lisa und Andy sehe ich nicht oft. Daher merke ich erst gar nicht, wie Papa stirnrunzelnd im Türrahmen steht: „Freya ist so nervös, sie kommt gar nicht zur Ruhe“, erzählt er, als ich ihn fragend anschaue. Ich ahne was kommt … 

Ich gehe mit Papa in den Stall und taste Freya, die mittlerweile liegt, behutsam ab. Oh ja, deutlich vernehme ich ihre Wehen. Papa bleibt bei ihr und ich informiere derweilen meine Gäste. Der Tierarzt hat alle Hände voll zu tun, er kündigt sich daher erst gegen dreiundzwanzig Uhr an.

Nach einer weiteren Stunde kehre ich mit Onkel Herbert und einer Flasche Wein mit Gläsern in den Stall zurück. Papa und wir machen es uns neben Freya gemütlich und trinken ein Glas Wein zusammen. Bei jeder Wehe streicheln wir sie und reden ihr gut zu. Wenig später kommen Lisa und Andy dazu. Tante Helga bringt uns Häppchen und ein paar Decken. Bald sitzen wir alle um unsere Kuh herum und trinken Wein. 

Richtig mystisch ist es im Stall. Es riecht nach frischem Heu und Stroh, das Licht ist gedämpft und wir sitzen in unseren Decken eingehüllt bei Freya und plaudern gedämpft über dies und das. 
Der Tierarzt verspätet sich. Um 23:40 Uhr steht er im Stall, um auch gleich geschäftig in seinem Arztkoffer zu kramen. Wir rücken ein wenig von Freya ab, damit er genügend Platz hat sie abzutasten. Freya atmet schwer. Die Wehen machen ihr zu schaffen. „Dann wollen wir ihr ein wenig helfen“, tönt er. Mit seinen langen Handschuhen verschwindet er in Freya, um das Kalb zu greifen. Mit jeder Wehe zieht er daran, damit es Freya leichter fällt.

Wir sind alle völlig im Kalben vertieft und auf die Niederkunft konzentriert. Und plötzlich ist es geschehen, mit einem Ruck liegt das Kalb im Stroh. Nach einem lauten Muh fängt Freya sofort an, ihr Kälbchen sauberzulecken.

Wir jubeln und fallen uns vor Glück und Erleichterung in die Arme. Als wir auf die Uhr schauen, bemerken wir das neue Jahr, das bereits zwanzig Minuten alt ist. Schnell holen wir den Sekt und stoßen gemeinsam mit unserem Tierarzt auf das neue Jahr und der erfolgreichen Geburtshilfe an. Gegen eins sitzen wir immer noch alle gemütlich bei Freya im Stall. Unser Tierarzt muss indes zur nächsten Geburt eilen. Das Kälbchen steht bereits und hat schon das notwendige Kolostrum (Biestmilch) getrunken. 

Bildrechte: Angela Roesenberger, future4web.de

Die Stimmung ist so friedvoll und einzigartig … erst in den frühen Morgenstunden verlassen wir unseren Stall und gehen zu Bett. 

2 Kommentare zu „Jahresbeginn im Stroh

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